Die schönste Blume der Revolution


von Uwe Detemple

 

Temeswar, Dezember 1989. Foto: Balázs Pataki Temeswar, Dezember 1989. Foto: Balázs Pataki

Temeswar, Stadt der Märtyrer. Hier begann die Revolution am 16. Dezember 1989. Ausgelöst durch die Nachricht von der bevorstehenden Verhaftung des regimekritischen Pfarrers László Tökés, kam es in der westrumänischen Stadt zu einer Protestdemonstration mehrerer hundert Menschen. Am 17. Dezember waren Zehntausende auf den Straßen. Sie forderten »Brot und Freiheit« und riefen immer wieder: »Nieder mit Ceauşescu!« Einheiten der Geheimpolizei Securitate und des Militärs richteten ein Massaker unter den Demonstranten an.

 

Zusammen mit Tausenden Revolutionären erhob sich auch Angela Elena Sava (geb. am 28. Februar 1964 in Orawitza/Banat) tapfer und stolz gegen die Diktatur, bereit, ihr Leben für eine bessere, gerechtere Welt zu geben. Am 17. Dezember 1989 warf sie sich mit ihrer ganzen Kraft und Schönheit mutig dem übermächtigen Repressionsapparat entgegen. An den Brennpunkten der revolutionären Ereignisse in Temeswar war sie immer in den ersten Reihen. Sie fiel heldenhaft, mit 25 Jahren, um 20:25 Uhr von einer Kugel tödlich in den Kopf getroffen, auf der Mihai-Viteazul-Brücke (Bischofsbrücke), in der Nähe der Kathedrale.

 

Gegen 20 Uhr zog ein Demonstrationszug von der Reformierten Kirche in Richtung Kathedrale, eine Gruppe von ungefähr acht Personen, darunter Angela Elena Sava, an der Spitze. Als die Gruppe, die sich ca. zwanzig Meter vor den restlichen Demonstranten befand, Losungen skandierend die Brücke überquerte, fielen ohne Vorwarnung Schüsse. Die Demonstranten rannten in alle Richtungen, viele stürzten, Panzerwagen fuhren über am Boden Liegende. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde vom Capitol-Kino her geschossen, aus Richtung der dort zwischen dem Bekleidungsgeschäft und der Eminescu-Statue neben dem Kino postierten Soldaten, die den Zugang zum Zentrum versperrten.

 

Aus der Gruppe der Acht fielen drei Revolutionäre: Angela, ein Jugendlicher namens Ghiţă und dessen Freundin. Letztere erhob sich sogleich wieder, sie stand unter Schock, war aber ansonsten unverletzt. Der Jugendliche, obwohl selbst verletzt, versuchte Angela zu helfen. Als er sie bewegte, sah er die Blutlache und erkannte ihren kritischen Zustand. Er hob Angela hoch und trug sie zum Taxistand. Auch auf dem Weg ins Krankenhaus hielt er sie in seinen Armen. Angela war am Kopf verletzt, sie blutete stark, lebte aber noch. »Was geschieht mit mir?«, fragte sie, als sie kurzzeitig das Bewusstsein wiedererlangte. Ghiţă sprach beruhigend auf sie ein. Im Krankenhaus trug er Angela, da es so sicherer war, in seinen Armen bis zur dritten Etage hoch.

 

Am 18. Dezember informierte jemand von Kandia (Angelas Arbeitsstätte) - er war in jener Gruppe von acht Demonstranten - Angelas Schwester über die Vorkommnisse. Obwohl dieser der Zugang zum Krankenhaus durch die Securitate verwehrt wurde, gelang es ihr, Gewissheit zu erlangen: Angela war tatsächlich dort, jedoch ... tot. Sie war den Folgen der Schussverletzung am Kopf erlegen.

 

Als Hommage und in ehrenvollem Gedenken wurde Angela Elena Sava, die ihr Leben im Kampf für den Sieg der Revolution geopfert hat, am 13. Dezember 1991 vom Präsidenten Rumäniens posthum die Auszeichnung »Märtyrer-Heldin der Rumänischen Revolution von 1989« verliehen. Heute erinnert in Temeswar ein Straßenname an sie: »Intrare Sava Angela, martir«.

.